Ein kaum beachteter Rohstoff wird plötzlich zum Problem

Während sich die öffentliche Debatte vor allem um Diesel, Kerosin und steigende Energiepreise dreht, wächst im Hintergrund ein Engpass heran, der für Deutschland erhebliche Folgen haben könnte. Es geht um sogenannte Basisöle, also jene Grundstoffe, aus denen Motoröle hergestellt werden. Was zunächst nach einem Spezialthema für Raffinerien und Schmierstoffhersteller klingt, kann sich rasch zu einer ernsten Belastung für Autobauer, Transportunternehmen und den öffentlichen Nahverkehr entwickeln.

Gerade diese Unsichtbarkeit macht die Lage so gefährlich. Kraftstoffknappheit bemerken Verbraucher sofort an der Tankstelle. Fehlende Basisöle dagegen wirken zunächst im Verborgenen. Doch ohne sie fehlen am Ende Motoröle, und ohne Motoröle geraten Fahrzeugproduktion, Güterverkehr und Busbetrieb unter Druck. Damit steht nicht irgendein Nischenprodukt zur Debatte, sondern ein Stoff, der für das Funktionieren großer Teile der Wirtschaft unverzichtbar ist.

Deutsche Autobauer spüren den Engpass bereits

Nach den vorliegenden Angaben leiden deutsche Autohersteller schon jetzt unter fehlenden Basisölen der Gruppe III. Aus diesen hochwertigen Grundölen werden mit Zusatzstoffen jene Motoröle hergestellt, die für die Erstbefüllung neuer Motoren benötigt werden. Genau an diesem Punkt beginnt die Brisanz.

Denn ein Neuwagen ist erst dann wirklich auslieferungsfähig, wenn der Motor vollständig befüllt ist. Fehlt dieses Öl, kann ein technisch fertig gebautes Fahrzeug nicht ohne Weiteres an den Kunden übergeben werden. Das zeigt, wie anfällig moderne Produktionsketten geworden sind. Es genügt nicht, wenn Karosserie, Elektronik und Montage funktionieren. Wenn ein einzelner Betriebsstoff fehlt, stockt am Ende der gesamte Ablauf.

Die Hersteller suchen inzwischen offenbar mit Nachdruck nach neuen Bezugsquellen. Doch in einem angespannten Markt lässt sich ein solcher Mangel nicht rasch und verlustfrei ausgleichen.

Bei Verbrennern drohen spürbare Produktionsverluste

Die Warnungen aus dem Markt klingen entsprechend deutlich. Gabrielle Twinning, Expertin für Basisöle, sagt: „Sollten die Automobilhersteller, wie zu erwarten ist, keine Lösung finden und sich die Situation in absehbarer Zeit nicht entspannen, werden die Produktionsmengen reduziert werden müssen.“

Diese Aussage ist von erheblicher Tragweite. Sie bedeutet, dass aus einem Rohstoffengpass in kurzer Zeit ein Produktionsproblem für Verbrennerfahrzeuge werden kann. Für die deutsche Industrie wäre das ein schwerer Rückschlag. Denn die Autobranche kämpft ohnehin mit unsicheren Märkten, hohen Kosten und angespannten Lieferketten. Wenn nun auch noch ein essenzieller Schmierstoff zum Nadelöhr wird, drohen weitere Störungen.

Gerade für Hersteller mit hohen Stückzahlen klassischer Fahrzeuge ist das besonders brisant. Es geht dann nicht mehr nur um höhere Kosten, sondern um die Frage, ob Werke ihre geplanten Mengen überhaupt noch halten können.

Gruppe II könnte den Alltag noch härter treffen

Noch gravierender als die Lage bei Gruppe III ist womöglich der drohende Mangel bei Basisölen der Gruppe II. Diese einfacheren Öle bilden die Grundlage für Motoröle, die im täglichen Betrieb von Lkw, Bussen und damit in weiten Teilen der Transport- und Logistikbranche verwendet werden.

Hier verschiebt sich die Problematik vom Werkstor direkt in den Alltag. Wenn diese Öle knapp werden, betrifft das nicht nur die Produktion neuer Fahrzeuge, sondern den laufenden Betrieb des Verkehrs. Dann geraten nicht nur Hersteller, sondern auch Lieferdienste, Speditionen und der ÖPNV unter Druck. Die Vorstellung, dass ausgerechnet ein Mangel an Schmierstoffen ganze Busflotten oder Transportketten belasten könnte, zeigt, wie ernst die Lage ist.

Hinzu kommt, dass die Großhandelspreise für diese Öle bereits spürbar gestiegen sind. Der Markt sendet also längst Warnsignale.

Die Blockade von Hormus wirkt bis in deutsche Motoren

Auslöser der Probleme ist die inzwischen seit mehr als zwei Monaten andauernde Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs. Durch diese Meerenge laufen in normalen Zeiten nicht nur rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Rohöls und Flüssiggases, sondern auch erhebliche Mengen verarbeiteter Öl- und Chemieprodukte.

Dazu zählen unter anderem Kerosin, Helium für die Halbleiterindustrie, Mineraldünger und eben jene Basisöle, die nun in Europa knapp werden. Genau darin liegt die eigentliche Tiefe der Krise. Sie trifft nicht nur sichtbare Energieträger, sondern auch industrielle Vorprodukte, deren Bedeutung oft erst dann erkannt wird, wenn sie fehlen.

Europa bekommt weniger, Asien zahlt mehr

In normalen Zeiten wird der europäische Markt zum Teil aus eigener Produktion versorgt, zum Teil durch Importe aus Asien. Doch diese Struktur gerät nun aus mehreren Richtungen unter Druck. Asiatische Raffinerien erhalten selbst weniger Rohöl aus der Golfregion. Gleichzeitig lassen sich in Asien derzeit teilweise höhere Preise erzielen.

Das hat fatale Folgen für Europa. Nicht nur sinken die asiatischen Lieferungen. Auch europäische Hersteller priorisieren offenbar asiatische Kunden, weil dort mehr verdient werden kann. Für Deutschland ist das besonders unerquicklich, weil die Industrie und die Transportwirtschaft auf stetige Verfügbarkeit angewiesen sind. Wenn Europa im internationalen Wettbewerb um knappe Mengen zurückfällt, wächst die Gefahr eines echten Versorgungsengpasses.

Der schlimmste Fall reicht bis in den Nahverkehr

Die schärfste Warnung betrifft deshalb die Logistik als Ganzes. Gabrielle Twinning warnt, ein Mangel „an hochwertigen Basisölen innerhalb weniger Monate“ könne zu „schwerwiegenden Störungen in der gesamten Logistikbranche führen, da sie für Motoröle für Nutzfahrzeuge unverzichtbar sind“.

Das ist eine ernste Aussage. Denn damit steht nicht nur die Autoindustrie im Feuer, sondern auch der tägliche Warenfluss. Wenn Lkw nicht zuverlässig versorgt werden können und Busse des öffentlichen Nahverkehrs betroffen sind, reicht das Problem weit über Fabriken hinaus. Dann geraten Lieferketten, Mobilität und Teile der Grundversorgung in Gefahr.

Ein unsichtbarer Engpass mit großer Sprengkraft

Der drohende Mangel an Basisölen zeigt, wie verletzlich eine moderne Volkswirtschaft an Stellen ist, die kaum jemand im Blick hat. Es geht nicht um einen spektakulären Rohstoff mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit, sondern um einen stillen, technisch wirkenden Grundstoff. Doch genau dieser Stoff hält Motoren am Laufen, Fahrzeuge auslieferungsfähig und Transportketten beweglich.

Wenn sich die Lage an den globalen Handelswegen nicht rasch entspannt, könnte aus diesem bislang wenig beachteten Problem ein sehr sichtbarer Krisenfaktor werden. Dann wären nicht nur einzelne Hersteller betroffen, sondern der Verkehr und die Wirtschaft in deutlich größerem Umfang.

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