Im Heimatmarkt geht die Luft raus, im Ausland beginnt der Sturm
Der chinesische Automarkt zeigt derzeit ein auffallend gespaltenes Bild. Während die Verkäufe im eigenen Land deutlich zurückgehen, wachsen die Ausfuhren mit enormer Geschwindigkeit. Im April brach der Absatz auf dem heimischen Markt im Vergleich zum Vorjahresmonat um 21,6 Prozent ein und fiel auf nur noch 1,4 Millionen Fahrzeuge. Damit verzeichnete China bereits den siebten Monat in Folge rückläufige Inlandsverkäufe.
Gleichzeitig entwickeln sich die Exporte in die entgegengesetzte Richtung. Die Ausfuhren legten im selben Zeitraum um 80,2 Prozent zu. Diese Schere zwischen heimischer Schwäche und internationalem Wachstum ist inzwischen so groß, dass sie kaum noch als normale Marktschwankung gelten kann. Vielmehr zeigt sie, dass Chinas Autoindustrie ihren Wachstumsschwerpunkt immer deutlicher ins Ausland verlagert.
Der Binnenmarkt verliert spürbar an Zugkraft
Ein Rückgang von 21,6 Prozent in einem Markt dieser Größe ist kein vorübergehender Dämpfer mehr. Wenn über mehrere Monate hinweg immer weniger Fahrzeuge im Inland verkauft werden, deutet das auf eine tiefere Absatzkrise hin. Die Zahl von 1,4 Millionen Fahrzeugen im April unterstreicht das zusätzlich. Für die Hersteller ist das ein Warnsignal, denn China war über Jahre der zentrale Wachstumsmotor der Branche.
Besonders heikel ist, dass sich diese Schwäche nicht auf einzelne Marken oder Segmente beschränkt. Der Markt insgesamt leidet. Das bedeutet, dass die Probleme breiter liegen und nicht allein mit Modellwechseln oder kurzfristigen Konsumverschiebungen erklärt werden können. Für die Produzenten wächst damit der Druck, Absatzprobleme zu kompensieren und Überkapazitäten anderswo unterzubringen.
Auch Elektroautos verlieren daheim an Dynamik
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die elektrifizierten Fahrzeuge. Elektroautos und Plug-in-Hybride machen in China inzwischen rund 60 Prozent der gesamten Verkäufe aus. Dennoch sanken auch in diesem Bereich die Inlandsverkäufe im April, und zwar um 6,8 Prozent.
Das ist bemerkenswert, weil gerade diese Fahrzeuge bisher als Rückgrat des chinesischen Automarkts galten. Wenn selbst in diesem dominierenden Segment die Nachfrage nachlässt, spricht das für eine echte Abkühlung des Binnenmarkts. Die Hersteller können also nicht einmal mehr darauf bauen, dass die E-Mobilität im Inland die allgemeinen Schwächetendenzen zuverlässig auffängt.
Für die Industrie ist das besonders unangenehm. Denn viele Unternehmen haben ihre Produktion, Investitionen und Wachstumspläne gerade auf dieses Segment ausgerichtet. Wenn dort die Dynamik ausbleibt, steigt automatisch der Druck auf Preise, Margen und Lagerbestände.
Im Ausland werden chinesische Autos immer gefragter
Während der Heimatmarkt schwächelt, läuft das Exportgeschäft mit voller Kraft. Die Ausfuhren chinesischer Fahrzeuge stiegen im April um 80,2 Prozent. Noch eindrucksvoller ist der Blick auf Elektroautos und Plug-in-Hybride: Ihre Exporte haben sich sogar mehr als verdoppelt.
Diese Zahlen zeigen, dass chinesische Hersteller ihre Probleme im Inland nicht einfach nur aussitzen, sondern ihre Fahrzeuge zunehmend aggressiv auf Auslandsmärkte drücken. Das verschafft ihnen kurzfristig Entlastung, weil Produktionskapazitäten weiter genutzt werden können. Zugleich wächst damit aber der Konkurrenzdruck auf andere Autonationen erheblich.
Für Europa, Nordamerika und andere wichtige Märkte ist diese Entwicklung von großer Bedeutung. Denn wenn China seine überschüssige Produktionskraft verstärkt in den Export lenkt, wird der weltweite Wettbewerb härter, billiger und aggressiver.
Hohe Spritpreise treiben die Nachfrage nach E-Autos
Ein wichtiger Treiber dieser Exportoffensive sind die weltweit gestiegenen Kraftstoffpreise. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die Energiemärkte belastet und Benzin sowie Diesel in vielen Ländern spürbar verteuert. Genau davon profitieren chinesische Anbieter elektrifizierter Fahrzeuge.
Wenn Sprit teurer wird, steigt die Attraktivität von E-Autos und Plug-in-Hybriden automatisch. Käufer im Ausland rechnen schärfer, achten stärker auf laufende Kosten und schauen offener auf elektrische Alternativen. Chinas Hersteller treffen damit auf ein Umfeld, das ihren Modellen in vielen Regionen zusätzliche Chancen eröffnet.
Gerade diese Verbindung macht die Entwicklung so brisant. Eine geopolitische Krise im Nahen Osten verschiebt die Nachfrage auf den internationalen Automärkten und stärkt damit ausgerechnet Chinas Exportmacht.
BYD zeigt die Krise im Inland besonders deutlich
Wie stark die Schieflage inzwischen ist, zeigt das Beispiel von BYD. Der weltgrößte Hersteller von Elektroautos musste im April den achten Rückgang in Folge bei den Inlandsverkäufen hinnehmen. Gleichzeitig liefen die Exporte des Konzerns weiterhin stark.
Gerade bei BYD ist dieser Gegensatz besonders aussagekräftig. Das Unternehmen steht wie kaum ein anderes für den Aufstieg Chinas zur führenden E-Auto-Nation. Wenn selbst ein solcher Marktführer im Heimatmarkt schwächelt, zeigt das, wie ernst die Lage geworden ist. Und wenn derselbe Konzern zugleich im Ausland kräftig wächst, wird sichtbar, wohin sich der Schwerpunkt verlagert.
BYD ist damit ein Beispiel für die neue Realität der chinesischen Autoindustrie: Im Inland wird es enger, im Ausland wird umso aggressiver expandiert.
Analysten rechnen mit weiterem Rückgang in China
Auch die Einschätzungen der Finanzwelt zeigen, wie stark sich das Bild verändert hat. Die US-Investmentbank Morgan Stanley erwartet für das laufende Jahr einen Rückgang der Inlandsverkäufe in China um 11 Prozent. Gleichzeitig wurde die Prognose für das Exportwachstum deutlich nach oben gesetzt, und zwar von 15 Prozent auf nun 33 Prozent.
Diese Veränderung ist erheblich. Sie macht deutlich, dass Marktbeobachter dem chinesischen Binnenmarkt deutlich weniger zutrauen als noch zuvor. Wachstum soll demnach künftig nicht mehr aus China selbst kommen, sondern vor allem aus dem Ausland.
Das ist ein wichtiger Wendepunkt. Jahrelang galt China vor allem als gigantischer Absatzmarkt. Nun tritt das Land immer stärker als Exportmacht auf, die ihre eigenen Absatzprobleme über den Weltmarkt ausgleicht.
Der globale Konkurrenzdruck dürfte weiter zunehmen
Die Zahlen aus dem April machen deshalb weit mehr sichtbar als nur einen schwachen Monat im chinesischen Inlandsgeschäft. Sie zeigen einen strukturellen Wandel. Sieben Monate Rückgang im Heimatmarkt, minus 21,6 Prozent bei den gesamten Inlandsverkäufen, minus 6,8 Prozent bei E-Autos und Plug-in-Hybriden, aber gleichzeitig plus 80,2 Prozent bei den Exporten und eine mehr als verdoppelte Ausfuhr elektrifizierter Fahrzeuge.
Diese Entwicklung bedeutet für Chinas Hersteller zunächst eine Atempause. Für die Konkurrenz im Ausland ist sie jedoch eine ernste Warnung. Denn je schwächer der chinesische Binnenmarkt wird, desto stärker wird die Industrie dort versuchen, ihre Fahrzeuge über internationale Märkte abzusetzen. Der Wettbewerb in der globalen Autoindustrie dürfte dadurch in den kommenden Monaten und Jahren noch härter werden.

